Felix und Julia von der Band WILLMAN blicken in die Kamera in einem Natursetting

Der neue Song von Willman spricht für Alkoholfrei

Was darf auf einem Festival nicht fehlen? »Campingstuhl, Adiletten und natürlich Dosenbier.« Das ist vermutlich die klassische Antwort. Trinken gehört zu Konzerten und Festivals fast schon wie Ketchup zu Pommes. Auch in der Musik ist Alkohol meistens präsent. Es gibt viele Songs, die Alkoholkonsum positiv darstellen, wie »Cheers« von Rihanna, »Hangover« von Taio Cruz oder »Kein Alkohol« von den Toten Hosen. Schon mal darüber nachgedacht: »Welche Songs setzen sich kritisch mit Alkohol auseinander?« Tick tack, tick tack. Dreh die Musik auf, das dauert eine Weile.

Alkohol spielt nicht nur in den Songs, sondern oft auch im Leben vieler Musiker:innen eine große Rolle. Auf Tour, bei den Proben und häufig privat. Eine 2018 in den USA durchgeführte Studie zeigt, dass die Wahrscheinlichkeit für Musiker:innen vier oder mehr als vier Mal pro Woche Alkohol zu trinken doppelt so hoch ist als in der der allgemeinen US-Bevölkerung.

Good News: Das Hinterfragen des Alkoholkonsums in unserer Gesellschaft macht auch vor der Musikbranche nicht halt. Wir haben mit Julia Lauber (22) und Felix Birsner (26) vom Freiburger Duo Willman gesprochen. Die beiden haben am 07. Mai ihren Song »Alkohol« gedroppt. Dieser setzt sich kritisch mit normalisiertem Alkoholkonsum auseinander und beschreibt den Missbrauch, sowie Perspektiven des Umfelds. 

Julia und Felix stehen Rücken an Rücken zueinanderLinks: Julia Lauber (22) Rechts: Felix Birsner (26) Fotocredits: Johannes Feederle


Wie ist der Umgang mit und die Thematisierung von Alkohol in der Musikbranche?

In der deutschsprachigen Musik gibt es nur sehr wenige Songs (wie z.B. »Alkohol« von Herbert Grönemeyer), die sich kritisch mit Alkohol auseinandersetzen – hingegen aber unzählige, die ihn glorifizieren. Hier spiegelt sich, was sich gesellschaftlich abzeichnet. Wir brauchen einen größeren Diskurs, mehr Offenheit und vor allem eine Normalisierung von »Ne, danke, für mich keinen Alkohol« 

Warum habt ihr einen einen kritischen Song zum Thema Alkoholkonsum geschrieben?

Das Thema hat uns immer schon auf die eine oder andere Art begleitet. Wir erlebten eigene Fälle von Alkoholmissbrauch in unseren Familien und haben so über Jahre mitbekommen, was Alkohol anrichten kann. Wie schnell das eine Glas am Abend zum Ritual wird, dann nicht mehr wegzudenken ist und was das bei der Person selbst und den Angehörigen anrichten kann.

Außerdem sind wir beide in einem Umfeld aufgewachsen, in dem es unausweichlich schien, mitzutrinken. Nein-Sagen hat oft eine bedeutende soziale Komponente, die einen unglaublichen Druck auf Jugendliche ausübt, wie damals auch auf uns.

Als wir bemerkt haben, dass es kaum aktuelle deutschsprachige Songs zu dem Thema gibt, wollten wir das ändern. Musik kann sicherlich dazu beitragen, den Diskurs anzustoßen und zum Nachdenken zu bewegen. Bei Konzerten kann man gut sehen, dass ausgelassen feiern und komisch tanzen mit guter Musik und tollen Menschen möglich ist. 

Wie ist die Resonanz auf euren Song?

Tatsächlich war das Feedback positiver als erwartet. Wir waren am Anfang unsicher, wie das Thema ankommt. Es kann schnell passieren, dass man etwas nicht mitgedacht hat, pauschalisiert und jemanden verletzt. So lange haben wir noch nie über jede einzelne Zeile im Songtext gegrübelt und diskutiert!

Im Gegenteil: Die Resonanz war so gut, dass wir nun im August eine größere Kampagne zum Thema Alkohol planen.

Trinkt ihr?

Wir haben uns entschieden, auf Alkohol zu verzichten – Felix bereits mit 16 und ich, Julia, vor etwa zwei Jahren. Seitdem steht Sprudelwasser und bei mir ab und zu ein alkoholfreies Naturradler hoch im Kurs.

Welche Rolle spielt Alkohol 2045 in unserer Gesellschaft? Wie feiern wir? Wie berauschen wir uns? Wie sieht die Musikbranche aus?

Große und schwierige Frage! Im besten Falle spielt Alkohol keine große Rolle und wir können, ohne die soziale Komponente abzuwägen, entscheiden, was wir zu uns nehmen wollen und was nicht. So richtig berauschend wäre es, wenn Menschen einfach sein können, wie sie sind. Wenn Leute ( ohne die Entschuldigung »Die ist einfach betrunken!«) komisch tanzen, einen ganzen Abend über ihre Gefühle reden und dabei Rotz und Wasser heulen, oder fünf Stunden über die allerschlechtesten Witze lachen: 2045 – we are here for it. Jetzt schon.

Die Musikbranche hat sich bis dahin hoffentlich zu Gunsten der Künstler:innen verändert. Die Pandemie zeigt auf der einen Seite, dass Musik für die Menschen, vor allem in schwierigen Zeiten eine große Rolle spielt und Halt gibt. Während der Pandemie wurde noch mehr Musik gehört als zuvor. Auf der anderen Seite können viele Künstler:innen, deren Musik und Inhalte konsumiert werden, aktuell nicht einmal die Miete davon bezahlen. 

Wir wünschen uns mehr Diversität auf Bühnen, im Radio, in den Playlisten und Zeitschriften und dass politische und kritische Musik wieder »mainstreamiger« wird. Kultur ist ein wesentlicher Bestandteil unser aller Leben und ein großer Player, wenn es um Veränderung geht. Wir wünschen uns bis 2045, dass dieses Potenzial genutzt wird, beziehungsweise wurde, und sich viele Dinge zum Positiven verändert haben. 

Den Song »Alkohol« könnt ihr hier anhören. Wenn ihr mehr über Willman erfahren möchtet, schaut auf der Website oder Instagram vorbei. 

Schlagwörter: Trinkkultur