Toyah auf einem Ledersofa mit einem Glas in der Hand

Die Tausendsassa Toyah Diebel über ihre Entscheidung zu Alkoholfrei

Toyah Diebel – Gründerin, Influencerin @toyahgurl, Podcasterin, Mama, Berlinerin - die Liste könnte lange weitergeführt werden. Toyah selbst weiß nicht, wie sie ihren eigens geschaffenen Beruf am besten definieren würde. Ein passender Begriff ist wohl »Tausendsassa«, wie sie sich beschreibt. Mittlerweile ist Toyah sogar Verkosterin mit ihren Saufi Tastings und die sind 100% alkoholfrei! Im Gespräch mit uns erzählt sie von ihrer Zeit vor Alkoholfrei, der Entscheidung dazu und der alkoholfreien Zeit heute. Auch über Zoom erlebten wir die Power dieser authentischen und humorvollen Persönlichkeit. 

Wann und warum hast du dich entschieden, weniger Alkohol zu trinken? Gab es einen besonderen Wendepunkt, eine bestimmte Situation?

Der Gedanke, weniger Alkohol zu trinken, kam mir bereits in meiner Hochphase, als ich sehr viel Alkohol getrunken habe. Durch psychische Probleme wurde mir klar, dass der starke Konsum auch damit zusammenhängen muss. Dann bin ich schwanger geworden. Ab dem Tag des positiven Schwangerschaftstests habe ich gar nichts mehr getrunken. Obwohl so eine Schwangerschaft auch hormonell eine Achterbahn ist, habe ich schnell gemerkt, dass es meiner Psyche durch den fehlenden Alkohol besser geht. Es war eine Fehlgeburt und ich bin ein zweites Mal schwanger geworden.

In der Zeit dazwischen fiel ich einmal in alte Muster zurück: Irgendetwas Negatives passiert und dann knallste dich wieder voll. Ich habe sofort gemerkt, dass es mir mental wieder schlechter ging. In der zweiten Schwangerschaft habe ich Alkohol nicht vermisst. Nach der Geburt habe ich sehr lange gestillt und hatte überhaupt kein Bedürfnis mehr, Alkohol zu trinken.  Nach einer Weile habe ich es wieder probiert und fand den Geschmack fürchterlich.

Es gab für mich einfach keinen Grund mehr, etwas zu trinken. Auch, weil ich das Gefühl hatte, eine Verantwortung jemand Neues gegenüber zu haben und ich hatte keinen Bock mehr, benebelt zu sein. 
Ich muss betonen, dass ich nicht abstinent bin, aber ich kann die Gläser im letzten Jahr an einer Hand abzählen. Das letzte Mal betrunken war ich November 2018. Das ist also wirklich lange her - für meine Verhältnisse ist das echt lange her (lacht).

Wenn ich ein zweites Glas Champagner trinke, dann schmeckt es mir schon auch. Dieser Mechanismus greift bei mir immer noch. Jedoch kann ich dem »Dizzysein« und »Betrunkenwerden« einfach nichts mehr abgewinnen. Klar zu sein und immer zu wissen, was ich tue und denke ist für mich unglaublich wertvoll geworden. Seit ich keinen Alkohol mehr trinke, habe ich ein besseres Gedächtnis. Mein Gehirn funktioniert einfach besser (lacht). Das finde ich so faszinierend! Da habe ich das Bedürfnis, mein Gehirn weiter zu optimieren und nicht schlechter zu machen. 

Was war für dich die größte Herausforderung nach dieser Entscheidung?

Den Gedanken abzulegen, den wir schon ganz früh im Kindesalter eingepflanzt bekommen haben: Es ist cool zu trinken!

Wenn du auf einem luxuriösen Empfang bist: Ein Glas Champagner.
Wenn du auf einer Party bist: Einen Kurzen auf das Geburtstagskind. 
Wenn du abends ein  spannendes Gespräch hast: Einen Cognac oder einen guten Rotwein dazu.
Wenn du teuer essen gehst: Der gute Tropfen gehört dazu.

In meinem Kopf waren diese gesellschaftlichen Anlässe so stark mit Alkohol verbunden. Ich musste mir erstmal rausprügeln, dass das überhaupt nicht normal ist. 

Ich stehe selbst auf der Bühne, aktuell auf der digitalen Bühne, aber ich kenne es von den Zeiten vor Corona. Da wird vor dem Auftritt mal ein Gläschen Sekt getrunken, um sich locker zu machen. Das habe ich auch gut und gerne genutzt: Ich war auf etlichen Veranstaltungen, wo ich mal besoffen auf der Bühne war. Im Nachhinein konnte ich mich nicht mehr erinnern, was ich da gelabert habe. Man denkt, man wird lustiger, lockerer und cooler, wenn man so ein oder zwei Gläser intus hat. Aber letztendlich: Pustekuchen! Es wird nur peinlich, man wird albern und ist nicht mehr man selbst. Das war ein Erlebnis, wo ich gesagt habe: Ne, besoffen in der Öffentlichkeit stehen - das möchte ich nicht. 

Ich bin riesengroßer Reality- und Trashfan und in jedem Format wird gesoffen, was das Zeug hält. Es ist krass, weil es gesellschaftlich anerkannt ist, dass die Leute besoffen sind, einfach weil es witzig ist. Im Grunde ist es fahrlässig, so etwas zu zeigen und fahrlässig gegenüber den Kandidat*innen, die so abgefüllt werden. Wenn alle bekifft oder voll auf Koks wären, würden die Leute sagen: Oh mein Gott, wie können die nur?! Alkohol ist für mich genauso eine Droge

Wie war die Reaktion deines Umfelds? Gibt es Freunde in deinem Umfeld, die ebenfalls wenig oder sogar nichts trinken?

Die Partyclique hat sich mit der Schwangerschaft verabschiedet. Man entwickelt sich weiter und wenn man sich in verschiedenen Lebensphasen befindet, passt sich auch der Freundeskreis an. Es gab schon immer Menschen in meinem Umfeld, die weniger oder gar nichts trinken. Das konnte ich früher nicht verstehen. Wie kann man so langweilig sein, keinen Alkohol zu trinken?! Ich weiß auch, dass ich selbst immer gesagt habe: 
»Ach komm, also einen kannste ja wohl trinken!«, »Was bist du denn für ein Partypooper?«, »Da ist doch nichts dabei, du kannst doch mal ein/zwei trinken.«
Mittlerweile habe ich gemerkt, dass das ein Verhalten ist, um sich selbst gut zu fühlen, dass man trinkt. 

Wie begegnest du dem sozialen Druck, Alkohol zu trinken?

Den habe ich tatsächlich gar nicht stark. Wahrscheinlich ist der erste Grund Corona und der zweite, dass ich ein Kind habe. Ich bin nicht mehr so unterwegs, wie alle anderen wahrscheinlich auch nicht durch Corona. Ich komme nicht oft in die Situation, etwas ablehnen zu müssen.

Was hilft, ist ein offener Umgang. Ich mache da keine Schwäche draus´, es ist für mich eine Stärke, zu sagen: Nö, hab´ ich kein Bock drauf. Ich bin ja trotzdem ein lebenslustiger Mensch, der gerne kommunikativ und gesellig ist. Ich muss mich dafür halt nicht vollaufen lassen. Ich finde, da kann man ruhig die Flucht nach vorne wagen und frei heraus sagen: »Ne, ich trinke keinen Alkohol, weil ich hab das Gefühl, ich hab ein Alkoholproblem oder weil ich es nicht vertrage, mir es nicht schmeckt.« 

Inwiefern hat sich dein Leben seit dieser Entscheidung verändert?

Toyah lächelnd mit hellblauem Oberteil

 

Die krasseste Veränderung, seit ich nicht mehr trinke, ist meine mentale Gesundheit und die ewig langen Kater, die ich früher hatte. Wenn ich überlege, dass ich Freitagabend weggegangen bin, nicht gepennt und den Samstag auch noch mitgenommen. Sonntag Horror-Zombietag und dann Montag arbeiten und noch überhaupt nicht fit zu sein. Viele Leute fragen mich: »Vermisst du das nicht, auf Parties zu gehen?«

Ey, mal ganz ehrlich: Von den Parties weiß ich doch eh nichts mehr. Peinliche Gespräche! Und wie oft ich mich schämen musste für irgendetwas, was ich schon wieder gemacht hatte. Fürchterlich! Diese ganzen Bettgeschichten… Was bei mir alles nur durch das Saufen passiert ist – Das ist Wahnsinn! Mal ehrlich: Bei jemandem, der viel Alkohol trinkt und viel konsumiert, ist die Erinnerung doch nur ein Brei. Wo diese acht Stunden der Party hin sind, weiß man am Schluss gar nicht mehr. 

Letzten Endes habe ich das Gefühl, Lebenszeit dazugewonnen zu haben, weil ich jeden Tag morgens ohne Kater aufstehe, mich an alles erinnern kann und vor allem alles wach und aufmerksam erlebe. Wichtig zu erwähnen finde ich, dass oft über die Extremsituationen gesprochen wird. Natürlich ist es scheiße, wenn man immer total besoffen ist. Es gibt jedoch auch die Menschen, die ab und zu mal ein Glas trinken und dann sollen die Leute das auch genießen, wenn sie damit umgehen können. Mir ist bewusst, dass so ein Glas zur Entspannung beitragen kann und das ist dann auch etwas Wunderbares. Das Ding ist halt, dass viele Leute nach einem Glas nicht sagen können: Ich höre jetzt auf. Stattdessen trinkt man so viel, bis man benebelt ist.

Weshalb ich Alkohol so gefährlich finde ist, dass der Punkt, an dem man einsehen muss, dass man eventuell ein Problem mit dieser Substanz hat, oft nicht gesehen wird. Man müsste ja zugeben: Alkoholproblem. Das ist ja auch super unsexy. Wer gibt das gerne zu? Man hört so oft: Ich trinke schon gerne mal zwei Bier abends, aber ein Alkoholproblem habe ich nicht. Tatsache ist jedoch, dass man ein Problem damit hat, wenn man regelmäßig trinkt und besonders, wenn man nicht darauf verzichten kann. 

Was sind bisher deine liebsten alkoholfreien Getränke/Cocktails?

Riesling Sekt von Kolonne Null und »This is not Vermouth« von UNDONE

Auf deinem Instagramkanal @toyahgurl hast du das Thema Alkohol angesprochen und auf die Frage, ob Alkohol »geili« ist, antworteten 68% mit »Nein«. Hast du das Gefühl, es ändert sich etwas in der Gesellschaft oder sind wir da, wie so oft, in unserer Bubble?

Ich glaube es ist eine Mischung aus Vielem. Man muss bei mir bedenken, dass meine Followerschaft aus ca. 80-85% Frauen besteht. Ich glaube, dass Frauen oft eine andere Einstellung zu Alkohol als Männer haben. Männer trinken lieber mal ein Feierabendbier als Frauen den Feierabendwein. Da sind die Männer nicht schuld, weil sie einen Penis haben. Die Gesellschaft hat sie so konditioniert, dass es männlich ist, abends ein Bier zu trinken. Ich denke schon, dass sich was in der Gesellschaft tut. Vielleicht auch durch Corona, weil die ganzen Parties, die Treffen wegfallen. Wenn man dann merkt, dass nicht die Treffen mit meinen Freund*innen, sondern der Alkohol fehlt. Da kann ich mir schon vorstellen, dass viele Leute dies hinterfragen.

Sicherlich war meine Frage auf Instagram aber auch eine Suggestivfrage. Die Leute wissen bei mir, dass ich es nicht cool finde, Alkohol in den sozialen Medien zu glorifizieren. Wieso sollten die Leute sagen, dass sie es voll geil finden?  

Noch ein letztes Schlusswort deinerseits?

*Disclaimer: Diese Antwort haben wir in keinster Art und Weise provoziert oder eingeleitet.*

Man mag es nicht meinen, aber es gibt wirklich gute alkoholfreie Getränke. Ich habe selbst gedacht: »Oh Gott!« Zu dem Zeitpunkt kannte ich nur Rotkäppchen Alkoholfrei. Muss man dazu noch mehr sagen? (lachtSorry Rotkäppchen! Ich habe jedoch mein Leben lang sehr viel Rotkäppchen getrunken, also ihr habt viel mit mir verdient. Daher ist es okay, wenn ich ein Getränk mal nicht so gut finde. Es gibt so viele tolle Hersteller*innen. Dass Menschen sich wirklich Mühe geben, tolle neue Getränke ohne Alkohol herzustellen, ist ein Vorbild für viele andere. So wird es attraktiver, mal darüber nachzudenken, etwas ohne Alkohol zu trinken. Es macht mir Spaß, diese Getränke zu testen und deshalb mache immer meine Saufi-Tastings.

Schlagwörter: Trinkkultur