Ein Interview mit Sobriety Mentoren Vlada und Katharina von me.sober

Ein Interview mit Sobriety Mentoren Vlada und Katharina von me.sober

Vlada Mättig und Katharina Vogt Gründerinnen von me|sober unterstützen seit Herbst 2019 Menschen dabei ein nüchternes Leben zu führen. Via Instagram-Channel berichten sie über Anekdoten, Erkenntnisse, beantworten Fragen und inspirieren wie ein Leben ohne Alkohol und Sucht aussehen kann.

Was macht einen guten Sobriety Coach aus? Muss er zwangsläufig auch unter einer Alkoholsucht gelitten haben?


Vlada //
 Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass ich mich besser mit Menschen identifizieren kann, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben wie ich und von denen ich weiß, dass sie genau nachempfinden können, wie es mir ging und wie es mir heute geht. Natürlich gleicht nicht jede Lebensgeschichte/Erfahrung der anderen - nichtsdestotrotz würde ich sagen, dass ich persönlich mehr Vertrauen in den Prozess haben kann, wenn ich mich mit der Lebensgeschichte meines Gegenübers identifizieren kann. Wir selbst bezeichnen uns auch nicht als „Coach“, sondern würden uns eher als „Mentoren“ bezeichnen. Wir hören zu, schauen, wo der Mentee steht, wo er/sie gerne hin möchte und ob wir uns vorstellen können gemeinsam diesen Weg zu gehen. Wir begleiten dann in Teilschritten, stellen Fragen, geben Aufgaben und Tipps und sind da, wenn es schwierig und anstrengend wird.


Wie sieht die Arbeit mit einem Sobriety Coach aus. Zu welchem Zeitpunkt wendet man sich an einen?


Vlada //
 Uns kontaktieren Menschen, die in den unterschiedlichsten Lebenssituationen sind. Es gibt kein Auswahlkriterium welches besagt, dass erst wenn du so und so viel trinkst du auch ein Mentoring bei uns in Anspruch nehmen kannst. Vielmehr schauen wir in einem ersten unverbindlichen Gespräch, wie die momentane Situation ist, wobei wir genau unterstützen können, wohin es gehen soll und entwickeln gemeinsam Teilschritte. Unser Mentoringprogramm passen wir dann ganz individuell an die jeweilige Situation und Mentee an. Das Programm umfasst zwischen 8 - 10 Wochen, wir stellen Aufgaben, Fragen, erarbeiten neue Strukturen/Routinen, lösen gemeinsam Muster und Glaubenssätze in Bezug auf Alkohol auf.

Natürlich müssen wir auch unsere eigenen Grenzen ziehen und erfragen in einem Vorab - Fragebogen, beispielsweise ob schon körperliche Entzugserscheinungen (welche gibt es?)vorhanden sind. In diesem Falle wäre es tatsächlich sehr gefährlich Alkohol einfach so aus der Kalten heraus abzusetzen, ohne medizinische Begleitung und Überprüfung. Das möchten wir auch gern unterstreichen, dass wir keine Ärzte oder Therapeuten sind und in bestimmten Fällen es auch empfehlenswert ist, sich da auch Hilfe zu holen und das kommunizieren wir auch ganz offen und ehrlich mit unseren Mentees, denn die Gesundheit und auch die Sicherheit gehen da immer vor!


Im Alltag eines Sobriety Coaches – wird um einen herum noch getrunken? Beispielsweise an Familienfeiern?


Vlada // Seitdem ich nüchtern bin verbringe ich den größten Teil meiner Zeit tatsächlich auch mit Menschen, die nüchtern leben. Früher war ich oft in Bars und Clubs unterwegs - um zu trinken. Heute treffe ich mich mit meinen Freunde in Cafés oder Parks und vermisse dabei tatsächlich nichts. Natürlich kommt auch ab und an mal die Situation vor, dass um mich herum (sei es zu einer Geburtstagsfeier, oder Familienfeier) getrunken wird, aber das stört mich nicht, solange niemand sturzbetrunken ist. Zudem kann ich ja immer die Entscheidung treffen zu gehen. Ob ein Mensch Alkohol trinkt oder nicht ist ja eine persönliche Entscheidung und ich würde niemanden dafür verurteilen.

Katharina // Auch bei mir ist es so, dass ich gerade auch aufgrund von Corona gar nicht groß unterwegs bin und somit die üblichen Berührungspunkte mit Alkohol nicht gegeben sind. In meiner Familie wird auch ab und zu vor mir getrunken, aber mir wird nicht wie früher auch etwas angeboten, sondern gleich nur gefragt, ob ich ein Wasser oder Saft möchte. Das fällt mir schon auf. Auch sprechen wir in meiner Familie mehr über das Thema und ich habe zumindest auch bei meiner Mutter den Eindruck sie macht sich darüber Gedanken. In meinem Freundeskreis war es generell nie ein großes Thema, da war wahrscheinlich wirklich eher ich die einzige, die sich gewundert hat, wenn jemand nicht mittrinkt. Obwohl ich jetzt auf Alkohol größtenteils komplett verzichte, gehen meine Freunde nicht wirklich anders mit mir um, was ich sehr angenehm finde. Klar wird gefragt, aber nicht abwertend, sondern eher interessiert. Auch ich möchte da niemanden belehren, sondern jeder kann und soll auch für sich selbst entscheiden können.

Wie steht ihr als Sobriety Coaches zu Non-Alcoholics (bspw. Alkoholfreier Gin)?


Vlada //
 Ich weiß, dass die Meinungen da sehr weit auseinander gehen und auch hier kann ich auch nur betonen, dass es eine sehr persönliche Entscheidung ist. Für Menschen, die keine Abhängigkeitsproblematik bewältigen mussten und „einfach nur“ eine leckere alkoholfreie Alternativer trinken möchten, finde ich das natürlich unfassbar super. Für Menschen, die vom Geschmack und generell sehr leicht getriggert werden, würde ich persönlich davon abraten. In dem Falle bringt es auch nicht einfach das alkoholische Getränk durch das alkoholfreie Getränk ersetzen zu wollen, da der/die innere Druck/Problematik bestehen bleiben und in den meisten Fällen früher oder später wieder zum Alkohol gegriffen wird.

Ich persönlich habe zu Beginn meiner Nüchternheit voll und ganz auf alkoholfreie Alternativen verzichtet, einfach, weil ich noch sehr unsicher war. Heute trinke ich ab und zu einmal einen alkoholfreien Sekt oder ein alkoholfreies Bier, aber nicht aus dem Grund weil ich den Drang verspüre irgendetwas ersetzen zu müssen, sondern einfach, weil ich ab und zu Lust darauf habe und es mir schmeckt. Den Alkohol vermisse ich dabei nicht.

Katharina // Mir persönlich haben alkoholfreie Alternativen vor allem am Anfang, als ich mich entschlossen habe weniger bzw. gar nichts mehr zu trinken, sehr geholfen. Ich war immer ein Gesellschaftstrinker und so kannten mich die Leute auch. Wenn ich also in Bars gegangen bin, habe ich mir einfach eine alkoholfreie Alternative bestellt, zum einen musste ich mich erstmal nicht den Fragen aussetzen und zum anderen hatte ich ja auch ein Getränk in der Hand, was aussieht wie Alkohol. Es hat mir also den Übergang deutlich erleichtert. Heute habe ich kein Problem mehr klar und deutlich zu sagen, dass ich nicht mehr trinke und bestelle mir einfach etwas komplett anderes. Es war aber definitiv ein Prozess. Auch heute trinke ich ab und zu einmal eine alkoholfreie Alternative, dann meist aber eher alkoholfreies Bier. Alkoholfreien Gin habe ich noch nicht probiert und auch bei alkoholfreiem Wein bin ich noch nicht so bewandert.

Schlagwörter: Trinkkultur