Interview zum Thema Alkoholsucht: Was es bedeutet alkoholabhängig zu sein

Interview zum Thema Alkoholsucht: Was es bedeutet alkoholabhängig zu sein

Ein Interview mit Roman Grandke vom Podcast Sucht & Ordnung.

Alkoholsucht und Alkoholabhängigkeit wird mit bestimmten Bildern assoziiert. In Berlin ist Abhängigkeit Teil des Stadtbildes und manifestiert sich in bestimmten Plätzen, Stationen und Straßenecken. Der eingesackte Körper auf dem U-Bahn-Sitz, das aufgedunsene Gesicht und die Bierflasche in der rechten Hand. Morgens vor der Arbeit beim Netto noch schnell das Croissant kaufen und an der Kasse der Typ, der sich die kleinen Whisky-Flaschen auf das Kassenband legt. Wenn mittags aus der Röhre abtrünnige Familiengeschichten und dramatische Gerichtsverfahren flimmern und Alkohol Teil oder Grund der ganzen Problematik ist. 

Die Anonymen Alkoholiker beispielsweise sind für Laien wie uns ein Mysterium und eigentlich kennt man diese nur aus Hollywood Movies. Wenn man den Amerikaner eins lassen kann, dann dass sie das Thema Alkoholsucht weit offener und demokratischer behandeln als wir.

Der Podcast über Sucht


Was es bedeutet abhängig zu sein, wie der Alltag aussieht und mit welchen Konsequenzen und Herausforderungen man zu kämpfen hat, schildert Roman Grandke in seinem Podcast Sucht und Ordnung. Seit September 2019 nimmt Roman seine Hörer mit auf seine eigene Reise clean zu werden und gewährt Einblicke in Therapie, seine Denkmuster und prozessiert ungeschönt ehrlich seine persönliche Drug-History. Interviewgäste wie Niko von blu:prevent, Nadira vom YouTube Channel “Die Schnibis” und Calvin von Viertelkollektiv ergänzen diese besondere Form der geshareden Eigentherapie. Mit dem Podcast hat sich Roman das Versprechen gegeben (und indirekt auch den Hörern) auf sich aufzupassen, an sich zu arbeiten und Alkohol und Drogen für immer goodbye zu sagen. Wir sind stolz auf dich! Roman hatte uns im Frühjahr 2020 selbst vor das Mikrofon gebeten (findet hier die Folge). Unsere Rückfragen hat er uns heute schriftlich beantworten. Danke Roman!

Roman, wann fängt ein Alkoholproblem an? Und ab wann spricht man von einem Alkoholproblem?


Ich persönlich glaube, dass ein Alkoholproblem schon in der Phase anfängt, in der man noch gar nicht trinken darf. In der Phase, wo Erwachsene ihren Kindern übermäßigen Alkoholkonsum vorleben. Aus meiner Sicht ist das auf jeden Fall ein Punkt. Das Alkoholproblem im herkömmlichen Sinne beginnt meiner Meinung nach, wenn man trinkt, um negative Gefühle und Gedanken zu verdrängen.
Zu welchem Zeitpunkt man genau von einem Problem spricht kann ich euch nicht sagen, da ich ja selbst Patient bin. Ein guter Indikator ist sicherlich, wenn man merkt, dass man einen gewissen Zeitraum abstinent sein will. Auch wenn in deinem Alltag die Substanz immer mehr dein Leben bestimmt, sprich im Fokus ist und sich deine ganzen Gedanken darum kreisen, ist das auch ein Anhaltspunkt. Die Uhrzeit kann auch Hinweise geben: Trinkt man nur abends, oder beginnt man immer häufiger früher? 

Wie fühlt es sich an, wenn Leute über Alkoholiker Witze machen? Ein Spruch ist ja schnell mal gesagt.


Das kann ich euch leider nicht beantworten. Ich habe das glücklicherweise nie erfahren müssen. Ich vermute, dass es sehr beschämend ist. Man trinkt häufig aus negativen Erfahrungen heraus. Mobbing verstärkt das höchstwahrscheinlich. Dumme Sprüche sind aber ganz sicher nicht die Initialzündung, dass sich jemand für die Abstinenz entscheidet. 

 

Ändert sich mit der Abstinenz auch der eigene Freundeskreis?


Auf jeden Fall! Übrig bleiben echte Freunde. Die ganzen Konsum-Freunde fallen alle weg. Es sei denn, sie hören auch auf. In der Regel macht Abstinenz aber erst mal einsam, weil man ja seinen ganzen Freundes- und Bekanntenkreis auf Konsum justiert hat.

Es gibt vorherrschende Bilder wie und wer ein Alkoholiker ist. Stimmst du dem zu oder willst du mit diesem Vorurteil aufräumen.


Ich kann euch aus meiner Erfahrung sagen, dass alkoholkranke Menschen in jeder Gesellschaftsschicht vorkommen. Ob es der Typ vom Bahnhof, der alles verloren hat und nur missbilligend angeschaut wird, weil er seine Traumata nie verarbeiten und sich weder selbst helfen konnte, noch von außen Unterstützung erfahren hat. Oder, ob das der Chirurg, der Finanzberater oder der Vorstandsvorsitzende ist, der trotz seiner Sucht ein Leben führt von dem viele finanziell nur träumen können. Am Ende sind das Menschen, die überfordert wurden und bis heute das mit sich tragen. Sie nicht abzustempeln ist ein erster Schritt, Mitgefühl zu zeigen und im besten Fall zu helfen, das macht den Unterschied. Schubladendenken ist zu einfach und hat noch nie jemanden etwas gebracht. 

Wie empfindest du den Begriff/die Bezeichnung “Alkoholiker”?

Mir persönlich stößt es nicht auf. Ich bezeichne mich ja auch als Junkie. Stimmt ja auch. Es kommt glaube ich immer darauf an, wer es sagt und welche Intention eigentlich dahinter steckt.  

Welche Hilfe steht alkoholabhängigen Personen zur Verfügung?

Für alkoholkranke Menschen gibt es viele Möglichkeiten Hilfe zu bekommen Die kennt leider kaum jemand. Die prominentesten sind die Anonymen Alkoholiker. Es gibt aber viele weitere tolle Einrichtungen, wie das deutsche Blaue Kreuz mit seinem Ableger speziell für junge Menschen blu:prevent (Kann ich nur empfehlen!) oder die Guttempler, das Sorgentelefon.  In jeder Stadt gibt es Suchteinrichtungen, die einem helfen, beraten und auch nur zuhören, wenn man niemanden zum Anvertrauen hat.

Mir persönlich hilft in Berlin die Kibo. Die sind spezialisiert auf Alkohol- und Kokain abhängige Menschen. Ansonsten gibt es immer mehr Plattformen und Räume in den sozialen Medien, wo man feststellt, dass man nicht alleine ist. Hier möchte ich das Viertelkollektiv oder Dominik Forster nennen, aber auch Rushsleepcrackrepeat und natürlich meine Seite. Seiten wie eure, aber auch Hersteller von Non-Alcoholics unterstützen das Thema weiter voranzubringen.


Über Roman Grandke

Profilbild von Roman, Podcaster.



Mit dem Podcast Sucht und Ordnung gewährt Roman offen und ehrlich Einblicke in das Leben eines Abhängigen: Von der Flasche über Joint bis hin zur Spritze.

Darüber hinaus ist er Teil des neuen Kollektivs #junkiesausmweb, welches sich dem Thema Suchtdruck und dem schwierigen Prozess des Drogenentzugs widmet: Hier gilt abhängen mit Abhängigen.

 

Schlagwörter: Trinkkultur